CAS Philosophie (ZH): Grundkurs (HS 2026) — Was ist Philosophie? Einführung in Begriffe und Geschichte der Philosophie (Wolfram Gobsch)
Die Frage, was die Philosophie sei, ist eine philosophische Frage. Und es kommt allein der Philosophie selbst zu, sie zu beantworten. Diese ihr wesentliche Selbstbestimmtheit unterscheidet die Philosophie von anderen Wissenschaften und Tätigkeiten – auch von der Medizin, der Psychologie und der Psychotherapie. Und sie hat zur Folge, dass wir die Philosophie unmöglich über Themen oder Zwecke definieren können, die uns bereits unabhängig von der Tätigkeit des Philosophierens selbst gegeben wären.
Im Philosophieren, kann man deshalb sagen, entfaltet der menschliche Geist sein Freiheitspotential in besonderer Weise. Und dies wiederum informiert den spezifisch philosophischen Zugang zum Geist, zur Psyche und zum Menschen. Zu allen Zeiten haben Philosoph:innen den besonders in der Philosophie sich manifestierenden selbstbestimmenden Charakter des menschlichen Geistes methodisch in Anschlag gebracht. So etwa Platon in seiner Frage an den Sophisten Protagoras, ob dessen Relativismus denn auch für diesen Relativismus selbst gelte. Und so Kant, dessen sowohl objektive wie subjektive Verwendung des Genitivs in «Kritik der reinen Vernunft» die reine Vernunft nicht allein als die hier Kritisierte, sondern zugleich als die hier tätige Kritikerin charakterisiert.
Zugleich birgt die philosophische Selbstbestimmung die Gefahr, dass die Worte, mit denen wir philosophieren, für jede/n von uns anderes bedeuten und wir aneinander vorbeireden. Dieser Gefahr lässt sich nur begegnen, wenn wir das Philosophieren als das wesentlich gemeinsame Tun leiblicher, sozial und historisch situierter geistiger Wesen begreifen, das es ist, und uns philosophierend in die Geschichte dieses Tuns einklinken, indem wir die Antworten lebender und toter Philosoph:innen als an uns gerichtete Fragen auffassen, die diese ihrerseits in Auseinandersetzung mit ihren Zeitgenoss:innen und den Philosoph:innen vor ihnen gewonnen haben.
Kurz, eine Einführung in die Philosophie ist nur als eine philosophierende Einführung in die Philosophiegeschichte und als philosophische Beschäftigung mit zeitgenössischen Antworten auf die Frage, was Philosophie sei, möglich. Und genau das bietet dieser Grundkurs. In den ersten 11 Sitzungen werden wir uns in Auseinandersetzung mit klassisch gewordenen Texten die Geschichte der verschiedenen Antworten auf die Frage, was die Philosophie sei, erarbeiten. Dabei werden wir unter anderem Platons sokratischer Auffassung von der Philosophie als einer Art Hebammenkunst begegnen, Aristoteles’ Theorie vom sich selbst denkenden Denken als der höchsten Form des Seienden und ihren ethischen Konsequenzen, Descartes’ methodischem Zweifel, Humes radikaler Reduktion des Geistes auf die Erfahrung, Kants Freiheitsbegriff, Hegels Dialektik und Geschichtsphilosophie und Wittgensteins therapeutischer Konzeption des Philosophierens. In den letzten 3 Sitzungen werden wir die Philosophiebegriffe der zentralen philosophischen Strömungen der Gegenwart (unter anderem Analytische Philosophie und Phänomenologie) miteinander ins Gespräch bringen – gemeinsam mit Vertreter:innen dieser Strömungen.
Dozent:innen: Dr. phil. Wolfram Gobsch, Lehrbeauftragter am Philosophischen Seminar der Universität Zürich sowie weitere Fachkolleg:innen für die letzten 3 Sitzungen
Zeit: Mittwoch, 18:15 bis 19:45, vom 16. September 2026 bis zum 16. Dezember